stefan-niggemeier.de: Das Internet, diese Pest
Offener Brief an mich selbst mit 24.
Lieber Sascha im Jahr 1999, ich schreibe Dir aus der Zukunft und ich bin Du. Das hier hat nichts mit Fluxkompensatoren zu tun, sondern mit Kultur und Zivilisation. Ich könnte Dich mit dem Traubenzucker des Lebens, Geld, verwöhnen, indem ich Dir ein paar Lottozahlen von 2001 raussuche, aber ich möchte nicht Deine kommenden Erfahrungen verzerren.
Du gehst überall herum und erzählst, wie dämlich Du Computer findest, sie würden die Menschen vereinsamen lassen, sie würden unpersönlich sein, ein toter Bildschirm könne niemals ein lebendiges Buch ersetzen und so fort. Bitte lass’ das bleiben, Du machst Dich damit total zum Kornelius, wie wir in der Zukunft sagen.
Es ist nämlich so, dass schon immer und auch für immer zur Kultur die Technik gehört. Und darüber hinaus es die stark unterschätzte Kulturtechnik gibt. Gehen wir ruhig zurück in eine Zeit, die die Bronzezeit genannt wird und verharren wir einen Moment allein beim Namen; er ist symptomatisch für Deine Problematik, lieber Sascha. Kurz vorher war noch Steinzeit, jetzt Bronzezeit, wo war der Unterschied? Er lag in der Technik der Metallherstellung und – das Entscheidende, pass’ jetzt gut auf! – in der Anwendung, der Schmiedetechnik. War die Bronzezeit ein Fortschritt, wo doch auch (und vor allem) Schwerter aus Metall hergestellt wurden und kaum Pflugscharen und nur sehr wenige Designtürklinken? Das ist eine rhetorische Frage, bitte beantworte sie nicht.
Dieses an den Haaren herbeigezogene Beispiel zeigt Dir, Sascha, dass sich die Kultur, der Sinn des Lebens nebenbei gesagt, scheidet in die Kulturtechnik und die Inhalte. Solltest Du sie je wieder verwechseln, diese beiden Zwillingsschwestern, so darfst Du nur noch Spinettmusik von Wachstrommeln hören und musst fortan ein Handy mit Dieselantrieb benutzen und SMS in Fraktur schicken – mit anderen Worten, Du wirst zum Vollkornelius und taumelst besinnungslos zwischen den Symptomen, Techniken, Ursachen, Wirkungen und Blüten der Neuzeit umher, mal hierdran riechend, mal dortdrauf spuckend, auf jeden Fall aber distanzlos die technische Oberfläche für das Mass aller Dinge haltend.
Nun, Sascha, Du hörst die leichte Enttäuschung zwischen meinen Zeilen, die zum Glück in Deinem Fall noch nicht zur Verbitterung geworden ist. Trotzdem muss ich Dir ein schweres Programm auferlegen, Dich dringlich bitten, es wahrzunehmen; die ein Computer ist ein Gerät, eine Million Computer sind eine Kultur und dazwischen ist ein Ding, das nennt man Internet. Du hörstest davon und kümmertest Dich nicht weiter. Ein Fehler, vergleichbar mit dem Fehler der Kalligraphen, die die Schreibmaschine als Eintagsfliege abtaten.
Nun gehe hin und gründe im nächsten Jahr weitgehend ahnungslos eine Internetagentur, die immerhin den Effekt haben wird, dass Du mitten in die Kulturtechnik des Digitalen gestossen wirst und über Nacht lernen musst, wie man über Javaprojekte redet. Und weisst Du was, Sascha, Du altkluges Stück? Das Internet ist nicht nachtragend, es hilft Dir dabei, Dein Wissensmanko, Dein Kulturmanko aufzuholen. Das Internet ist die beste Erfindung überhaupt. Ohne ein verstümmelndes “seit”.
Aber: Es ist eine Erfindung. Eine Kulturtechnik, nicht ein Inhalt. Wer es verdammt, weil er etwas Schlechtes darin gefunden hat, wird auch Schall verbieten wollen, wenn es donnert. Und nun gehe hin und verbreite die Kunde des guten Internets, kämpfe dafür und das heisst vor allem, kämpfe gegen die Ansicht, dass früher alles besser war. Denn die Nostalgiker, diese Menschen, die statt ihrer Erinnerung eine Verkläranlage im Kopf haben, die neigen dazu, dass Fortschritt in der Kulturtechnik schlecht ist. Sie vergessen, dass das Alte, das sie verehren, einst neu und durchaus revolutionär war. Aber das Neue ist ein Begriff, der nur in der Gegenwart benutzt werden darf. Das Neue ist Selbstzweck, aber zu recht. Alles wirklich Neue ist zunächst wirklich gut, ausser es ist wirklich schlecht.
Wer behauptet, Fortschritt wäre doof, der soll einen beliebigen Tag in den letzten 2000 Jahren sagen, an den er die Menschheit zurückverfrachten möchte. Er wird verstummen müssen. So, Sascha, nun gehe hin und labere die Menschen voll. Und wenn Du einen Kornelius triffst, dann schaue ihn streng an, ermahne ihn, kläre ihn aber auch auf und dann streichle ihm mitleidig über den Kopf. Vielleicht hatte er länger keinen GV oder eine unglückliche Kindheit. Oder er hat irgendeine Seuche.
3 Kommentar-Kommentare »
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Ich hab`s bis zum Schluss gelesen. Das will was heißen. Mein Lieblingssatz: Alles wirklich Neue ist zunächst wirklich gut, ausser es ist wirklich schlecht.
Kommentar-Kommentar von raketentim — 04.01.2007 #
Ich habs ja schon mal gesagt, ich bin der Meinung das Internet wird sich nicht durchsetzen.
Kommentar-Kommentar von mic — 05.01.2007 #
„Vielleicht hatte er länger keinen GV“ finde ich nicht gut.
Kommentar-Kommentar von hs — 07.01.2007 #