ras.antville.org: ankündigung einer erpressung

Man muss sich die Situation vorstellen, in der ich diesen Text seinerzeit im Paparazziforum schrieb: Es war dort ein textliches Nichtschwimmerbecken („Das besondere Forum“) eingerichtet worden, in dem ein Haufen unsagbar dummer, langweiliger, kackeverschmierter Fusshupen rund um die Uhr verschimmelten Dreck posteten.

Meine Randale damals übrigens ist bis heute eine der fatalsten, die die digitale Welt je sah: Ich postete den Link zu einer Datei mit einer Eurodance-Version von „The Final Countdown“ (aus resthumanitären Gründen aber als txt-Datei, bei der man zum Abspielen noch die Dateiendung austauschen musste).

Bis heute, Jahre später, halte ich dieses musikalische Bhopal für mein grösstes Verbrechen an der Menschheit. Es blieb leider folgenlos, das besondere Forum starb erst später bei einem (zufälligen (!)), doppelten Festplattenabsturz.

ras.antville.org: neue geschichten

Dieses ist mein erster mobiler Kommentar jemals und zwar aus dem ICE nach München kurz hinter Jena Paradies vermittels einer UMTS-Flatrate und einer Bluetooth-Verbindung zum Handy. Ich möchte ihn Jochen widmen und seinem unerschöpflichen Antriebsmotor, nämlich sich beweisen zu wollen, dass er sich noch etwas beweisen kann.

stefan-niggemeier.de: Braunschweig

Ich leite jetzt mal tolldreist, aber schlüssig her, weshalb Euer schon drei Mal outes Öde-Orte-Geschrei total pauvre ist, wie wir Cool People sagen, und nicht das real existierende Braunschweig erbärmlich ist, sondern das Braunschweig in Eurem Kopf.

Ich komme aus Berlin, dort geboren und aufgewachsen, und jetzt könnte man vermuten, dass ich alles ausserhalb von Berlin als bestenfalls nichtssagende Provinz betrachte. Man läge fast richtig. Berlin ist nämlich auch bestenfalls nichtssagende Provinz, jedenfalls zu 99,99%, also an fast allen Orten fast rund um die Uhr. Wer je Montag Nacht auf dem Hackeschen Markt oder dem Kudamm oder meinetwegen auch dem Potsdamer Platz war, hat einen soliden Begriff von Trostlosigkeit, den auch keine Sibirienrundreise wieder auszulöschen vermag. „Heee, okay, Hackescher Markt und Konsorten, da ist oft nichts los, aber schau mal am Samstag im XYZ”. Toll.

Dazu zwei Bemerkungen. Es gibt in Deutschland nichts, wo jeden Tag rund um die Uhr Alarm ist. Umgekehrt ist an ganz vielen Orten zu ausgesuchten Zeiten etwas los. Genau das ist der Punkt. Ihr und Euer Wissen um die Orte und Zeiten, wo etwas los ist. Wann immer Ihr darüber schimpft, schimpft Ihr über Euer eigenes Unwissen.

Eine Veranstaltung an einem Samstag Abend zu kennen, das ist wie sich als Bloginsider zu fühlen, weil man die Detailsuche auf Technorati entdeckt hat. Die Kunst fängt an, wo der Prinz-Eventkalender aufhört. Mittwoch Mittag tanzen gehen. Montag morgen wissen, wo man wegen Überfüllung nicht mehr reinkommt. Leute zu kennen (oder zu sein), die erst ins Bett gehen, wenn andere schon wieder ins Bett gehen.

In jeder Stadt über 100.000 Einwohner (darf man rechtlich da schon Stadt sagen eigentlich?) gibt es zu jedem Zeitpunkt irgendwo eine Ansammlung von Leuten, die irgendwas machen, wo man gern dabei wäre. Man weiss es bloss einfach nicht, weil man eben letztlich doch ein armseliges Würstchen ist mit unzulänglicher sozialer Vernetzung. Beim nächsten Mal also nicht sagen „Fuck, hier ist ja gar nichts los”, sondern einfach bei der Wahrheit bleiben und denken „In diesem tollen Braunschweig ist sicher eine Menge los, allein, ich weiss davon nichts. Vermutlich hat mir keiner bescheid gesagt, weil mich eigentlich keiner mag.” Das jedenfalls denke ich immer und lag damit oft genug richtig. Für Euch sollte es dann erst recht gelten.

ras.antville.org: trunken bold

Du bist mir ein rechter Witz bold.

riesenmaschine.de: Die Fähigkeit, um sich selbst zu trauern

Wenn schon Rechtschreibreformreform, dann hätte man auch die überfällige Änderung von Genugtuung in Genuugtuung einpflegen können.

stefan-niggemeier.de: E-Mail von Stefan Kornelius

Ich bin immer wieder erschüttert, dass ausser mir offenbar alle Menschen steindumm, humorlos und kritikunfähig sind und zur ständigen Pauschalisierung neigen!

Wegen meines Weltverbesserungsfetischs möchte ich aber hier noch ein paar Gratismeinungen zum Thema ablegen:

– Stefan Niggemeier sollte endlich wieder seinen Job als Medienjournalist machen, anstatt im Internet spitzfindig auf irgendwelchen Formulierungen von unbeteiligten Redakteuren herumzuhacken!

– Die Medienberichterstattung über die Medienberichterstattung über das Hussein-Video und wie darüber geschrieben wurde, lässt ganz schön zu wünschen übrig!

– Hinrichtung gut und schön, aber dass ein Video davon im Internet gezeigt wird, das ist ja wohl eine Bankrotterklärung der Zivilisation!

– Guten Tag, ich bin Marketingleiter der Brillenfirma Bausch & Lomb, wir überlegen, ob wir diese und weitere Blogkommunikationswellen sponsern. Wir würden sie dann zukünftig als „Bausch of the week“ auf unserem Corporate Blog präsentieren.

– Lascha Sobo, Deine erbärmlichen, substanzlosen Kommentare sind nur Meinungssurrogat, Du hüllst Deine Aussagen in so viele Schichten ironischer Verdrehung, darunter ist überhaupt kein Standpunkt mehr vorhanden.

– Was wollt Ihr eigentlich, Hauptsache Saddam ist tot und ich habe ein Recht auf dieses historische Dokument und wenn Guido Knop um 21 Uhr KZ-Leichen zeigt, regt sich doch auch keiner auf, sondern die Sendung wird von Gerolsteiner Mineralwasser präsentiert.

– Ich als Mitarbeiter von Herrn Kornelius kann hier nur sagen, dass Herr Kornelius Wortwahl sowohl in dem präzisen Artikel als auch in seiner durchaus souveränen Mailantwort präzise und durchaus souverän war.

– Demnächst wäre die Zeit reif für eine soliden Hitlervergleich.

– Dauernd spielt sich Niggemeier in den Vordergrund, zu diesen Seuche-Artikeln hat er bestimmt zwanzig Trackbacks in der ganzen Blogosphäre gelegt!

– Ich bin der absolut normalen Meinung, dass normale Kommunikation normal bleiben muss, Äpfel sollten nur mit Äpfeln beantwortet werden dürfen. Der korrekte Weg wäre gewesen, die Diskussion aus dem Internet herauszuhalten, Herr Niggemeier hätte ja einen Gegenartikel in der Frankfurter Rundschau schreiben können, die Connections hat er ja wohl ;))))))))))))))))

– Wer Dietmar Nuhr zitiert, dem gehört auf die Fresse gehauen.

– Das ist alles so typisch von Euch, ich bin echt enttäuscht von Journalisten und von der Blogosphäre, typisch, echt, total enttäuscht, ab sofort boykottiere ich Zeitungen und Blogs, dann seht mal zu, wie Ihr damit zurecht kommt!

– Können wir bitte wieder zum Thema zurückkommen und darüber diskutieren, wer dieses Handyvideo von König Husseins Hinrichtung überhaupt in Auftrag gegeben hat?

– Ich wünsche mir mehr Kritikfähigkeit auf der Welt, mehr Souveränität und Aufregung nur an den Stellen, wo es um etwas anderes geht als die eigene Person.

wirres.net: „vollkornelius“

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stefan-niggemeier.de: Das Internet, diese Pest

Offener Brief an mich selbst mit 24.

Lieber Sascha im Jahr 1999, ich schreibe Dir aus der Zukunft und ich bin Du. Das hier hat nichts mit Fluxkompensatoren zu tun, sondern mit Kultur und Zivilisation. Ich könnte Dich mit dem Traubenzucker des Lebens, Geld, verwöhnen, indem ich Dir ein paar Lottozahlen von 2001 raussuche, aber ich möchte nicht Deine kommenden Erfahrungen verzerren.

Du gehst überall herum und erzählst, wie dämlich Du Computer findest, sie würden die Menschen vereinsamen lassen, sie würden unpersönlich sein, ein toter Bildschirm könne niemals ein lebendiges Buch ersetzen und so fort. Bitte lass‘ das bleiben, Du machst Dich damit total zum Kornelius, wie wir in der Zukunft sagen.

Es ist nämlich so, dass schon immer und auch für immer zur Kultur die Technik gehört. Und darüber hinaus es die stark unterschätzte Kulturtechnik gibt. Gehen wir ruhig zurück in eine Zeit, die die Bronzezeit genannt wird und verharren wir einen Moment allein beim Namen; er ist symptomatisch für Deine Problematik, lieber Sascha. Kurz vorher war noch Steinzeit, jetzt Bronzezeit, wo war der Unterschied? Er lag in der Technik der Metallherstellung und – das Entscheidende, pass‘ jetzt gut auf! – in der Anwendung, der Schmiedetechnik. War die Bronzezeit ein Fortschritt, wo doch auch (und vor allem) Schwerter aus Metall hergestellt wurden und kaum Pflugscharen und nur sehr wenige Designtürklinken? Das ist eine rhetorische Frage, bitte beantworte sie nicht.

Dieses an den Haaren herbeigezogene Beispiel zeigt Dir, Sascha, dass sich die Kultur, der Sinn des Lebens nebenbei gesagt, scheidet in die Kulturtechnik und die Inhalte. Solltest Du sie je wieder verwechseln, diese beiden Zwillingsschwestern, so darfst Du nur noch Spinettmusik von Wachstrommeln hören und musst fortan ein Handy mit Dieselantrieb benutzen und SMS in Fraktur schicken – mit anderen Worten, Du wirst zum Vollkornelius und taumelst besinnungslos zwischen den Symptomen, Techniken, Ursachen, Wirkungen und Blüten der Neuzeit umher, mal hierdran riechend, mal dortdrauf spuckend, auf jeden Fall aber distanzlos die technische Oberfläche für das Mass aller Dinge haltend.

Nun, Sascha, Du hörst die leichte Enttäuschung zwischen meinen Zeilen, die zum Glück in Deinem Fall noch nicht zur Verbitterung geworden ist. Trotzdem muss ich Dir ein schweres Programm auferlegen, Dich dringlich bitten, es wahrzunehmen; die ein Computer ist ein Gerät, eine Million Computer sind eine Kultur und dazwischen ist ein Ding, das nennt man Internet. Du hörstest davon und kümmertest Dich nicht weiter. Ein Fehler, vergleichbar mit dem Fehler der Kalligraphen, die die Schreibmaschine als Eintagsfliege abtaten.

Nun gehe hin und gründe im nächsten Jahr weitgehend ahnungslos eine Internetagentur, die immerhin den Effekt haben wird, dass Du mitten in die Kulturtechnik des Digitalen gestossen wirst und über Nacht lernen musst, wie man über Javaprojekte redet. Und weisst Du was, Sascha, Du altkluges Stück? Das Internet ist nicht nachtragend, es hilft Dir dabei, Dein Wissensmanko, Dein Kulturmanko aufzuholen. Das Internet ist die beste Erfindung überhaupt. Ohne ein verstümmelndes „seit“.

Aber: Es ist eine Erfindung. Eine Kulturtechnik, nicht ein Inhalt. Wer es verdammt, weil er etwas Schlechtes darin gefunden hat, wird auch Schall verbieten wollen, wenn es donnert. Und nun gehe hin und verbreite die Kunde des guten Internets, kämpfe dafür und das heisst vor allem, kämpfe gegen die Ansicht, dass früher alles besser war. Denn die Nostalgiker, diese Menschen, die statt ihrer Erinnerung eine Verkläranlage im Kopf haben, die neigen dazu, dass Fortschritt in der Kulturtechnik schlecht ist. Sie vergessen, dass das Alte, das sie verehren, einst neu und durchaus revolutionär war. Aber das Neue ist ein Begriff, der nur in der Gegenwart benutzt werden darf. Das Neue ist Selbstzweck, aber zu recht. Alles wirklich Neue ist zunächst wirklich gut, ausser es ist wirklich schlecht.

Wer behauptet, Fortschritt wäre doof, der soll einen beliebigen Tag in den letzten 2000 Jahren sagen, an den er die Menschheit zurückverfrachten möchte. Er wird verstummen müssen. So, Sascha, nun gehe hin und labere die Menschen voll. Und wenn Du einen Kornelius triffst, dann schaue ihn streng an, ermahne ihn, kläre ihn aber auch auf und dann streichle ihm mitleidig über den Kopf. Vielleicht hatte er länger keinen GV oder eine unglückliche Kindheit. Oder er hat irgendeine Seuche.

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