ennomane.de: Die Piratenpartei vs. Sascha Lobo

Vielen Dank ersteinmal für den Artikel, der im Ton das ist, was ich mir von der gesamten Piratenpartei wünschen würde. Auf die Kritik, die ich bisher geäussert habe, wurde eher beleidigt-kindergartig reagiert, besonders nach dem 3sat-Kulturzeit-Beitrag vor einigen Wochen und zwar leider auch von in der Piratenpartei maßgeblichen Leuten. Wenn dieser Gegenwind von Euch nicht ertragen wird, dann wird es sehr, sehr schwer für Euch in der Politik und den Medien.

Jetzt zum Inhalt.

Wenn ich mir das Programm der Piratenpartei ansehe, also den Kern der Partei, dann fallen mir zum Thema Urheberrecht/Verwertung zwei Passagen auf, die ich zitieren möchte:

“Im Allgemeinen wird für die Schaffung eines Werkes in erheblichem Maße auf den öffentlichen Schatz an Schöpfungen zurückgegriffen. Die Rückführung von Werken in den öffentlichen Raum ist daher nicht nur berechtigt, sondern im Sinne der Nachhaltigkeit der menschlichen Schöpfungsfähigkeiten von essentieller Wichtigkeit.”

“Positive Effekte der von uns geforderten Änderungen sollen im vollen Umfang genutzt werden können. Mögliche, aber nicht zu erwartende negative Nebenwirkungen müssen bei deren Auftreten nach Möglichkeit abgemindert werden.”

Diese Passagen empfinden die meisten, die von der Verwertung ihrer Werke leben möchten, als Hohn. “.. nicht zu erwartende negative Nebenwirkungen”? Ist das Euer Ernst? Sind Euch die nicht völlig unberechtigten Sorgen der Musiker, der Schriftsteller, der Filmemacher völlig egal? Selbst, wenn sie zu einem Teil aus einer gewissen Uninformiertheit entstanden sind?

Auch, wenn ich aus dem Parteiprogramm heraus in die Bereiche hinschaue, die explizit NICHT offizielle Aussagen der Piratenpartei sind ( http://wiki.piratenpartei.de/Kategorie:K%C3%BCnstlerverg%C3%BCtung ), und deshalb von mir auch nicht als massgeblich bewertet werden können – dann finde ich dort Modelle wie die “Alternative Künstlerverwertung”, die im Prinzip auf freiwilligen Spenden beruht. Spenden als Geschäftsmodell empfinde nicht nur ich als unwürdige Bettelei. Mit dem Vorschlag GEMA 2.0 sieht es nicht besser aus, denn ich kenne kein Topf-System, das ausreichend gut funktioniert, damit nicht die Erben von Michael Jackson eine neunte Villa kaufen, sondern die Band aus Berlin-Neukölln davon ihre Miete zahlen können. Das sind für mich nicht die Konzepte, denen ich die Zukunft der Kulturfinanzierung anvertrauen will. Ebensowenig übrigens wie eine Kulturflatrate, bzw. die dafür im Gespräch befindlichen Modelle.

Dass mit der Musik- und Content-Industrie sehr, sehr viel im Argen ist, ist keine Frage. Das Urheberrecht und die angeschlossenen Verwertungsmechanismen müssen, wie ich öfter betont habe, dringend und grundlegend reformiert werden, damit dieser Komplex im 21. Jahrhundert und der Digitalen Gesellschaft ankommt. Aber dass ich als Künstler, zum Beispiel als Musiker, mein Werk direkt verkaufen kann – daran führt für mich kein Weg vorbei. Diesem Ziel steht übrigens niemand im Moment mehr im Weg als die Musikindustrie selbst.

Nur wenn ich mit einzelnen Mitgliedern der Piratenpartei gesprochen habe, dann hat sich der Eindruck verstärkt, der im Parteiprogramm alles andere als widerlegt wird und in den Diskussionen im Netz auch nicht: Das Produkt, das Künstler schaffen, wird nicht als kaufbares Produkt anerkannt. Stattdessen versucht man, auf Krampf Methoden zu finden, wie kostenloses Downloaden irgendwie über Bande doch den Künstlern Geld bringen könnte. Das halte ich für falsch. So wird die Piratenpartei niemals eine breite Mehrheit der Kulturschaffenden überzeugen können.

Das Argument, dass im Moment der Künstler in den meisten Fällen sowieso halb enteignet wird (stimmt) und selten davon leben kann (stimmt leider auch), ist für mich ein Grund, mit dem Netz Modelle zu finden, bei denen das nicht so ist. Ich halte das für möglich. Sonst kommen etwa die Musiker vom Regen (Musikindustrie) in die Traufe (Abschaffung der direkten Verwertungsmöglichkeiten).

Ich glaube nämlich, dass die Mehrheit der Nichtpiraten, die sich im Netz auskennt, bereit ist, direkt Geld zu bezahlen für Kulturprodukte. Nur gibt es da bisher nicht unbedingt glanzvolle Modelle, von iTunes mal abgesehen, gegen das es viele andere Gründe gibt. Einer ist, dass es nicht leicht ist, dort einfach selbst Musikstücke einzustellen.

Dass die Piratenpartei eine Diskussion in Gang gebracht hat, halte ich für gut. In einigen Punkten stimme ich mir ihr überein, von der Haltung her. Über den zukünftigen Erfolg der Piratenpartei kann ich wenig sagen, halte es aber nicht für ausgeschlossen, dass daraus eine ernsthafte Partei wird. Ist sie aber noch nicht (und mit dem Namen wird es nochmal extraschwer mit Sternchen).

Denn in den meisten Punkten, die für mich wichtig sind, sagt die Piratenpartei exakt nichts. Es gibt ein Leben ausserhalb des Netzes. Dazu höre ich nicht nur wenig, im Programm steht dazu fast nichts – und ich glaube auch, dass die Piratenpartei es kaum schaffen würde, da eine gemeinsame Position zu erarbeiten. Ich würde keine Partei wählen wollen, bei der ich nicht bzw. kaum weiss, wie sie zu Fragen von Atomkraft, Bundeswehr, Hartz4, Arbeitsmarktpolitik, Frauenrechte, Familienpolitik, EU und so weiter und so fort steht. Ganz schön hohe Anforderungen für eine kleine Partei? Sorry, ja. Meine Ansprüche an Parteien generell sind hoch, immerhin regieren uns Parteien. Da ist keine Entschuldigung, dass man erst zwei Jahre alt ist. Die Ansprüche sind ein Grund, weshalb ich die Erklärung des Online-Beirats der SPD (ich bin übrigens kein Mitglied und war es auch nie) mitentworfen und unterzeichnet habe. Was jetzt nicht nur Freunde innerhalb der SPD gebracht hat.

Ein Wort noch zu mir: ich bin selbständig, unabhängig und stehe auf keiner Gehaltsliste. Im Gegenteil lebe ich in erster Linie von Beratung (derzeit übrigens null Verlage), in zweiter Linie von Vorträgen und Projekten, in dritter Linie von Büchern. Die Sachen, die ich sage, sage ich, weil ich diese Meinung vertrete und dafür Gründe der Überzeugung habe.

Abschliessend ein kleiner Tipp: Kritiker persönlich bzw. beleidigend anzugreifen, lässt in erster Linie den Angreifer unsouverän erscheinen. Und das sage ich, obwohl ich ab und zu ganz gern beleidigt werde.

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